Und weiter gehts: Fortsetzung 2

Mitte August 1996, in 11 Tagen von Elmpt über Lübeck nach Pöteniz an der Ostsee in Meckenlenburg-Vorpommern

Wir radelten durch die Lüneburger Heide. Über dem Land lag ein violetter Schleier. Die Räder rollten über den rauhen, staubigen Weg. Hier hatte es wohl schon seit Tagen nicht mehr geregnet. Meine Maquila seufzte ab und zu. Ihr fehlte die frische Brise, die das Radeln leichter macht und - irgendetwas stimmte heute nicht mit der Wegbeschreibung.

Am Vormittag waren wir einen großen Bogen auf holpriger Piste gefahren, um an der gleichen Wegekreuzung wieder anzukommen. Dann fuhren wir nach der Mittagspause viele Kilometer an einem wenig idyllischen Stacheldrahtzaun entlang. Wir waren irgendwann und irgendwo falsch gefahren....Meine Radelmenschen hatten ihre Gesichter zu einem Fragezeichen verzogen. Und dann, zu guter Letzt, standen wir im Wald. Von Heide und Wegweisern keine Spur und eine Aussicht irgendwohin, gab es auch nicht. Hohe und dicht stehende Kiefern rechts und links, vorne und hinten. Der Weg schnurgerade. An der nächsten und übernächsten Kreuzung: zwischen den Bäumen schnurgerade Wege nach rechts und links, die sich in der Ferne verloren. Sie waren breit und sandig. Kettenfahrzeuge hatten tiefe Spuren darin hinterlassen. Meine Beiden waren schon vor geraumer Zeit von den Fahrrädern gestiegen. Ächzend und schnaufend schoben sie sie in der Spur des Kettenfahrzeuges und versanken dafür bei jedem Schritt bis über die Fußknöchel im trockenen, lockeren Sand. Der Radwanderführer gab keine Auskunft und der kleine Kartenausschnitt auf der entsprechenden Seite zeigte keine Übereinstimmung mit der Realität. Auch war nichts zu hören, das auf eine befahrene Straße oder einen Ort hingedeutet hätte. Meine Radelmenschen hatten entschieden dem Weg weiterzufolgen, denn zumindest die Richtung stimmte. Außerdem hofften wir an der nächste Kreuzung auf einen Ausgang aus dem Wald. Wir wurden noch mehrmals enttäuscht. Allmählich ließen die Kräfte nach und in gleichem Maße nahm das Interesse der Insekten zu. Aber meine Maquila und der Maquilo gaben nicht auf. Sie schoben, hielten an, schlugen nach den Insekten und schoben dann weiter.

Der Nachmittag war schon weit fortgeschritten als sich die Bäume endlich lichteten und dann ganz zurückwichen. Da war sie dann auch plötzlich wieder da, die Heide. Der Weg wurde nun allmählich fester und wir konnten, wenn auch langsam und immer noch mühsam, durch die Landschaft radeln. Sie hatte sich  erneut vor uns ausgebreitet und die Farben der Heide erstrahlten im sanften Licht der Abendsonne. Nun fehlte doch nur, dass meine Maquila mich bald drücken möge, damit ich quietschen und sie wieder lachen würde, denn dieser Anblick war wunderschön. - Aber es kam anders.

Ein Ort war noch nicht in Sicht als der Hinterreifen vom Fahrrad des Maquilos seine Luft verlor. Jetzt hieß es Gepäcktaschen abpacken, Fahrrad auf Lenker und Sattel drehen und den Schlauch flicken. Anschließend Hände säubern und wieder aufpacken. Meine Maquila half bei diesem Prozedere. Dann ging es weiter mit dem nötigen Optimismus, bald in einem Ort anzukommen, dort eine Orientierung zu finden und sie zu behalten.

Wir waren noch keine zwei Kilometer gefahren als der Hinterreifen des Maquilos schon wieder platt war. Auch meine Radelmenschen waren platt, aber bemüht die Ruhe zu bewahren. Es wurde schweigend wieder abgepackt, das Rad wieder gedreht und wiederum der Schlauch geflickt. Der Maquilo inspizierte den Fahrradmantel erneut, diesmal Millimeter um Millimeter aufs Genaueste und entdeckte, dass sich das Profil an einer Stelle in kleinen Schuppen ablösen ließ. Optisch bestes Profil, aber tatsächlich konnte sich jedes kleine Steinchen hindurchdrücken und den Schlauch perforieren. Das ist echter Mist, knurrte der Maquilo. Eine Lösung musste her, denn in dieser Situation hatte der Fahrradschlauch keine Chance. Da war das Improvisationstalent des Maquilo  auch schon erwacht. Ein stabiler, aber flexibler Streifen musste als Einlage in den Mantel, um den Schlauch zu schützen. So wurde dem Werkzeugtäschchen  das Innenfach herausgeschnitten, denn das Material war stabil, flexibel und dünn. Eine ideale Einlage, die sich nur durch einen minimalen Holperer beim Fahren bemerkbar machte. Und tatsächlich gelangten wir noch vor der Dunkelheit und ohne weiteren Luftverlust bis in den nächsten Ort.

Das Zelt blieb an diesem Abend in seiner Packtasche. Meine Radelmenschen stellten mich mit den Rädern im Schuppen des Gasthauses ab, in dem sie ein Zimmer genommen hatten. Am nächsten Tag wollte der Maquilo einen neuen Mantel für seinen Reifen kaufen, und ich dachte: morgen werde ich auch wieder quietschen können.

Eine Anmerkung sei mir noch gestattet: inzwischen befindet sich im Gepäck des Maquilos immer eine Rolle Panzerband. Ein Band für alle Fälle, auch gefaltet als Einlage zu gebrauchen. Und Jahre später hat er damit sogar den gebrochenen Rahmen seines Fahrrades zusammengeklebt und –gebunden. Zum Glück waren wir ohne Gepäck und nur auf einer Ausflugsfahrt unterwegs. So mußte die „Reparatur“ nur ca. zehn Kilometer halten. Der Maquilo konnte auf dem Rad sitzen, jedoch nicht mehr in die Pedale treten. Meine Maquila hat ihn damals samt Fahrrad gezogen und die beiden… aber, das ist eine andere Geschichte.

 

Das Vervielfältigen oder Kopieren der Texte bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autorin Gerlinde Helgers

 

 

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